alias tigra

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Als Myrrha und die Dienerinnen ihre Plätze im vierten Rang bei den Frauen einnahmen, wurden unten in der Arena nach den zahmen Tieren gerade die fremdartigen und gefährlichen Lebewesen ausgestellt, die an diesem Morgen dort auftreten sollten. Hinter dem schweren Netz, das rund um den Kampfplatz an aufrecht gestellten Elefantenstoßzähnen gespannt war, standen im Graben vor den Zuschauerreihen schon die Bogenschützen bereit, um sofort jedes Tier zu erlegen, dem es trotz des starken Geflechtes und den daran aufgefädelten, schlüpfrigen Rollen aus Elfenbein gelingen sollte, das Netzwerk zu überklettern und vom Graben aus die Zuschauer anzugreifen. Fauchende Panther, Löwen, gefleckte Leoparden und riesige Bären wurden in Käfigen durch den Sand gekarrt und von den Tierwärtern mit Lanzenstichen und rasselnden Ketten immer wieder gereizt, bis sie vor Wut brüllten und sich in ihrer Raserei donnernd gegen die eisernen Stäbe ihres Käfigs warfen. Angestachelt durch Peitschenhiebe rasten ganze Rudel von Wildpferden, Hirschen und Antilopen durch die Arena, die Nüstern gebläht und die Augen ins Weiße verdreht vor Angst, und dazwischen führten schwarze Sklaven an den Füßen gefesselte Elefanten in einer langen Reihe an den Zuschauern vorbei. Zwei langhalsige Giraffen, mehrere Flußpferde, schwarze Stiere aus Thrakien und ein mächtiges Rhinozeros aus Mauretania schienen die Vorführung der Tiere an diesem Vormittag zu beschließen.

Kein einziges der heute vorgestellten Tiere war neu und unbekannt für Myrrha, und sie lehnte sich gelangweilt zurück und ließ ihren Blick langsam über die Zuschauerreihen streifen.

„Schau nur, Herrin, schau!“ Digna war aufgesprungen und zeigte aufgeregt in die Sandarena. Wie aus dem Nichts war dort eine Gruppe von acht prächtig gekleideten, fremdländischen Männern erschienen, die einen Elefanten in ihrer Mitte führten. Um jedes der stämmigen Elefantenbeine waren starke Seile geschlungen, die von je zwei der Männer gehalten wurden, und das riesige Tier trottete so widerwillig und behindert von Menschen über den Platz. Das Besondere an diesem Auftritt waren aber nicht die menschlichen Begleiter des Elefanten in ihren seidenen Prunkgewändern, sondern die Hautfarbe des Tieres. Es war kein stumpfes Grau wie bei seinen Artgenossen, sondern ein helles Rosa, das fast weiß erschien, und seine Augen waren nicht schwarz wie bei gewöhnlichen Elefanten, sondern hatten die Farbe von milchigen Flußperlen.

„Ein weißer Elefant!“ Noch nie hatte Myrrha ein ähnliches Tier gesehen, und sie starrte gebannt auf den Dickhäuter, der nicht mehr weitergehen wollte und nun von seinen Begleitern mit Stockhieben angetrieben wurde. Dieses seltene Tier war nicht für die Kämpfe in der Arena bestimmt, sondern ein Geschenk des Senators Quintilianus für den Kaiser und dessen privaten Tiergarten, und deshalb schlugen die Wärter den Elefanten vorsichtig und nicht zu fest, um die weißrosane Haut des kostbaren Riesen nicht zu verletzen. Das Tier aber drehte sich unruhig im Kreis, stapfte und scharrte im Sand und erhob seinen Rüssel schließlich genau in die Richtung, in der Myrrha mit ihren Dienerinnen saß. Ohrenbetäubend laut erklang das Trompeten des weißen Elefanten im Rund des Theaters, und die Menschen auf den Rängen erschauerten bei diesem fremden und

Leseprobe III

durchdringenden Ton aus einer fernen Welt.

 

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