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Auf der Via Cassia in Richtung Norden, im Jahr 1053 ab urbe condita oder 300 nach Christi Geburt

 

„Die Fahrt in diesem Wagen bringt mich noch um!“ Hilaria stöhnte und rutschte so unruhig hin und her, daß die Leibsklavin Eunomia neben ihr die Beine zusammenpreßte und sich so schmal wie nur möglich machte, um ihrer Herrin genügend Platz zu lassen.

„Was ist das auch für ein Einfall meines sonst so klugen Bruders, eine Herrenia und eine Salvia in solch einem Karren auf Reisen zu schicken? Wenigstens eine überdachte Carruca wäre angebracht gewesen, in der Myrrha und ich allein deutlich bequemer sitzen würden, durch das Verdeck geschützt vor Wind und fremden Blicken! Meine Freundin Aulia Chrysopolis, die Witwe des Senators Aulius, ist erst vor kurzem von einer Reise nach Brundisium zurückgekehrt, sie fuhr standesgemäß in einem von Maultieren gezogenen zweirädrigen Wagen mit gewölbtem Dach, auf Seidenpolstern ruhend! Und ich, Salvia Acte Hilaria, geachtete römische Bürgerin und Hausbesitzerin am Clivus scauri, sitze hier auf einer schäbigen Holzbank, zusammengepfercht wie eine Sardine im Tontopf, und lasse mir von der Sonne die Haut verbrennen!“

Albucius, der zwischen Basilla und Psecas auf der Bank gegenüber saß, versuchte Hilaria zu beschwichtigen. „Zosimus wollte für seine geliebte Schwester einen sicheren und schnellen Wagen, darum hat er diese vierspännige Rheda gewählt. Du weißt, wie leicht ein zweirädriges Gefährt auf diesen gepflasterten Straßen kippen oder in den Graben geraten kann, dieser schwere Wagen aber wird uns alle heil nach Raetia bringen! Und ist es nicht angenehmer für dich und Myrrha, in einem Gefährt zusammen mit euren Dienerinnen zu reisen? Sie umsorgen euch auf dieser langen Fahrt, und ihr könnt euch unterhalten und würfeln oder auch nur gemeinsam die herrliche Landschaft bewundern, durch die unser Weg führt!“

Hilaria schürzte verächtlich die Lippen. „Herrliche Landschaft! Außer Staub und Dreck sehe ich nur diese endlose Straße vor mir, und auf den Feldern vielleicht ein paar dumpfe Bauernsklaven bei der Arbeit! Und dann Raetia! Wochen, ja vielleicht Monate über Land und Berge, in einem rumpelnden Karren ohne den geringsten Komfort! Warum schickt uns Zosimus ausgerechnet in eine Provinz jenseits der Alpes, wo unzivilisierte Völker leben und kein anständiger Mensch vor den Überfällen barbarischer Krieger sicher ist? Gegen eine Vergnügungsfahrt auf dem Meer wäre nichts einzuwenden, mein Bruder hätte uns auf eine Bildungsreise nach Alexandria oder Agrigentum oder einfach zu einer Trinkkur nach Salus Umeritana in Hispania schicken können! Habe ich euch erzählt, daß meine Freundin, die Witwe des Senators, im letzten Jahr mehrere Wochen in Aegyptus weilte und sehr hübsche Andenken von dort mitbrachte? Sie schenkte mir eine Tonlampe mit der Ansicht der Pyramiden darauf, eine freundliche Geste, auch wenn es nur ein billiges Stück ist, von dem es hunderte geben mag. Aber Aulia war schon immer geizig!“

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