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Sie waren immer nach Westen gefahren, dem Südufer des Benacosees entlang und dann durch ebene und fruchtbare Landschaft auf die Berge zu, vor denen Brixia lag. Gegen Mittag hatten sie an einer Poststation die Zugtiere gewechselt und waren mit dem schweren Wagen so schnell weitergefahren, wie vier Pferde nur laufen können, und sie hatten weder sich noch dem erschöpften Kutscher auch nur für einen Augenblick Ruhe und Rast gegönnt. Nach einem langen Tag auf staubiger Straße erblickten sie nun am Fuß des nach dem uralten Gott Cidno benannten Hügels die Stadt Brixia, eine lange vom Volk der Kelten bewohnte Siedlung, die erst vor zweihundert Jahren zur römischen Kolonie geworden war.

Als der Wagen das östliche Stadttor passiert hatte und langsam durch die Straßen und Gassen auf den Marktplatz zufuhr, richtete sich Psecas auf und musterte mit müden Augen den Ort, in den Albucius seine letzte Hoffnung gesetzt hatte. Vornehme Anwesen und gepflegte Geschäfte und Tabernen kündeten vom Wohlstand Brixia´s, und bereits auf dem kurzen Weg zum Forum zählte die Sklavin mehrere Häuser mit den Zunftzeichen von Handwerkervereinigungen und Händlerkollegien, die auf ein blühendes Gewerbe in dieser Stadt schließen ließen. Der Marktplatz war ein langgezogenes, rechteckiges Feld mit corinthischen Säulengängen an beiden Längsseiten, unter denen Werkstätten und Läden eingerichtet waren, und von der Nordseite blickten eine mächtige Basilica, in der die Gerichtsverhandlungen stattfanden, und das Capitolium, der Sitz des Stadtsenats, auf den gepflasterten Platz. Vor dem Capitolium stand hoch aufragend der wichtigste Tempel der Stadt, den Gottheiten Jupiter, Juno und Minerva geweiht, über viele Stufen erreichbar und beeindruckend mit seinen weißen Marmorsäulen und dem bunten, mit mythischen Figuren reich verzierten Giebel. Im Osten lag der mit Stuckrosetten dekorierte Eingang zu den öffentlichen Thermen, und im Süden, auf einem Podest in der Mitte des Forums, leuchtete eine vergoldete Bronzefigur der Siegesgöttin Victoria im Licht der untergehenden Sonne.

Die Rheda hielt am Rande des Platzes, weil das Forum nicht befahren werden durfte, und Psecas kletterte aus dem Wagen und ging zu der geflügelten Götterstatue. Die Frauenfigur trug griechische Kleidung und einen schimmernden Haarreif in den eng am Kopf aufgesteckten Locken, wie zufällig hing ein Schulterband herunter und entblößte dabei ihre rechte Brust. Tief in Gedanken schien die Siegesgöttin auf den Marktplatz und die sterblichen Menschen zu blicken, mit der rechten Hand schrieb sie den Namen eines siegreichen Feldherrn auf den vor ihr stehenden Kampfschild, und mit der ausgestreckten linken Hand deutete sie nach vorne. Die golden glänzenden Flügel zeugten in beeindruckender Größe von der Göttlichkeit dieses Wesens, und Psecas konnte sich an dieser Schönheit kaum satt sehen.

 

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